Trojanisches Sonnenpferd

Seit Monaten wird uns unter dem Deckmantel der Verantwortung für eine sichere, umweltfreundliche und wirtschaftliche Energieversorgung ein Verwirrspiel nach dem anderen präsentiert. Das neueste und imposanteste heißt DESERTEC: Ein großes Konsortium will im Rahmen des DESERTEC-Projektes 400 Mrd. Euro in erneuerbare Energien in Nordafrika und Übertragungsleitungen nach Europa investieren. DESERTEC ist ein trojanisches Pferd. Es setzt scheinbar voll auf eine solare Zukunft und löst damit - wie das bei trojanischen Pferden Tradition hat - Jubelrufe aus:

Die Initiative der Unternehmen ist eine der klügsten Antworten auf die globalen Umwelt- und Wirtschaftsprobleme dieser Zeit“, kommentiert Andree Böhling, Energieexperte von Greenpeace, das Vorhaben. „Ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft hat endlich verstanden, dass die Zeit reif ist für eine umfassende Nutzung der Erneuerbaren Energien und den Abschied von fossilen Energieträgern und der Atomkraft (ganzer Artikel hier). Dieser Kommentar ist erschreckend naiv. Warum?

1. Beim DESERTEC-Projekt soll die Abhängigkeit von wenigen atomarfossilen Energielieferanten-Ländern durch neue Abhängigkeiten von neuen Lieferländern ersetzt werden. Sicherheitspolitisch wäre das Projekt sehr riskant: Eine zentralisierte Erzeugung mit wenigen Hauptstromtrassen zu zerstören, ist wesentlich leichter als ein ausgedehntes Netz mit vielen kleinen und mittleren Erzeugern. Die politische Erpressbarkeit wäre vorprogrammiert. Vermieden werden kann das im Ernstfall wieder nur durch eine neokoloniale Machtausübung der europäischen Länder in Nordafrika. Der Zugang zur Energie müsst um jeden Preis gesichert werden, auch mit militärischen Mitteln.

2. Erneuerbare Energien sind in der Fläche verteilt und können auch in der Fläche geerntet werden. Der Charme der erneuerbaren Energien liegt in der Entwicklung einer dezentralen Erzeugung und damit auch in einer schleichenden Demokratisierung der Energieversorgung. Atomarfossile Großkraftwerke sollen beim Desertec-Projekt aber nur durch erneuerbare Großkraftwerke ersetzt werden und damit die Vorherrschaft einiger weniger Energiekonzerne sichern, denen mit dem Ausbau erneuerbarer Energien die Felle davonschwimmen. Die Perspektiven für diese Unternehmen sind bedrohlich. Sie verlieren wegen des Ausbaus erneuerbarer Energien vor Ort jedes Jahr weitere Marktanteile an kleine und mittlere Unternehmen und Privatleute. Deshalb stehen sie massiv unter Druck und wollen sich mit Desertec retten (siehe auch Blogbeitrag “Annäherungsversuch abgelehnt - wir passen nicht zusammen!“)

3. Das DESERTEC-Projekt geht implizit davon aus, dass das Angebot erneuerbarer Energien in Europa entweder nicht ausreicht, um Europa zu versorgen, oder im Vergleich mit erneuerbaren Energien in Nordafrika nicht wirtschaftlich ist. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, kommt man schnell zu folgendem Schluss: “Wenn denn die Investitionen in Nordafrika tatsächlich viel wirtschaftlicher sind, sollten wir Investitionen in erneuerbare Energien in Deutschland zurückfahren, um eine Verschwendung von Geldern zu vermeiden.” Oder etwas konkreter: “Nach einem möglichen Regierungswechsel bei der Bundestagswahl sollte man das EEG und die vorrangige Einspeisung für erneuerbare Energien einschränken oder kippen.” Die Frage nach der Wirtschaftlichkeit ist immer auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit “Für wen?” Wo landen beim Desertec-Projekt die Investitionen für erneuerbare Energien? Nicht wie bei den Ansätzen zur regionalen Energieautonomie beim Handwerker vor Ort, nicht bei den Kommunen und Kreisen.

4. Da das DESERTEC-Projekt nach Angaben seiner Befürworter noch 10 Jahre braucht, wäre die logische Folge, in der Zwischenzeit die “Brückentechnologien” Atom und Kohle weiter am Leben zu erhalten bzw. auszubauen (siehe auch den Artikel “Unwörter des Jahres“). Bei laufend weiter absinkenden Preisen für die Techniken zur Nutzung von Wind und Sonne, wird man in 10 Jahren mit dem nordafrikanischen EE-Strom gar nicht mehr viel anfangen können, selbst wenn er nach heutigen Preisen im Gesamtsystem wirtschaftlich sein sollte - was zu beweisen wäre!

5. Für höhere Anteile erneuerbarer Energien im Stromnetz benötigen wir intelligentere Netze und eine große Vielfalt unterschiedlicher, dezentraler Speicher (siehe auch Blog-Beitrag “Intelligente Netze und Energiespeicherung“). Dort muss in den nächsten Jahren viel investiert werden. Die Forderung danach, diese Investitionen zugunsten zentraler Systeme zu kippen, ist vorhersehbar. Das Desertec-Konsortium wird versuchen, Forschungs- und Fördermittel auf Bundes- und EU-Ebene in Milliardenumfang umzulenken. Zentrale Speicher beinhalten ähnliche Risiken wie zentrale Erzeugung.

Das alles spricht nicht für DESERTEC.

Viele Untersuchungen zeigen, dass das Angebot an erneuerbaren Energien in Europa für die Versorgung Europas ausreicht (siehe hier), es muss nur konsequent genutzt werden.

Weitere Kommentare zum DESERTEC-Projekt von EUROSOLAR (hier), IPPNW (hier), Sonnenseite (hier) und Solarförderverein (hier).

4 Kommentare zu „Trojanisches Sonnenpferd“

  1. Carmen sagt:

    Also grundsätzlich würde ich solche Großprojekte nicht verdammen, immerhin liefern auch sie die wichtigen Impulse in Richtung saubere Energieversorgung. Trotzdem halte ich es auch für extrem wichtig, dass unsere Basisversorgung durch lokale, dezentrale Nutzungsmöglichkeiten gegeben ist. Das scheint ja möglich zu sein, also sollten auch alle daran arbeiten, dies zu verwirklichen. Großprojekte können zusätzlich wirken, uns nur von diesen abhängig zu machen wäre aber wohl ein Wiederholungsfehler.

  2. Daniel Bannasch sagt:

    Hier ein weiterer Kommentar (veröffentlicht auf der Sonnenseite von Franz Alt, Quelle:juwi Holding AG):

    :: Dezentraler Versorgung mit erneuerbaren Energien gehört die Zukunft
    Jedes Projekt, das dazu beiträgt, den Klimawandel zu stoppen, ist ein gutes und wichtiges Projekt.

    Das solare Zeitalter hat längst begonnen. Nicht nur das Wüstenstromprojekt Desertec, sondern auch und vor allem die vielen dezentralen Dach- und Freiflächenanlagen zeigen, dass die Sonne gemeinsam mit den anderen erneuerbaren Energieträgern das Zeug dazu hat, diesen Globus und seine Bewohner mit Energie zu versorgen – umfassend, sauber, nachhaltig und rund um die Uhr. Jedes Projekt, das dazu beiträgt, den Klimawandel zu stoppen und uns so eine lebenswerte Zukunft zu bewahren – ohne rauchende Schlote und ohne Atommüll – ist ein gutes und wichtiges Projekt.

    Verständlich, dass derzeit die Blicke auf das gigantische Wüstenstromprojekt gerichtet sind. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass wir ein anderes, immens wichtiges Konzept der regenerativen Stromerzeugung aus den Augen verlieren: die dezentrale Energieversorgung. Wind-, Solar-, Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie können ihr riesiges Potenzial nur dann voll entfalten, wenn die entsprechenden Anlagen die Energie dezentral erzeugen, also in kleineren, vernetzten und breit über die Regionen der Erde gestreuten Einheiten. Strom aus dezentralen Wind-, Solar- oder Bioenergieanlagen ist der Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft. Er ist nicht nur sauber, sondern auch sicher, preiswert und sozial verträglich.

    Mehr Wettbewerb und stabile Preise
    Strom aus dezentralen Anlagen schont nicht nur das Klima, sondern auch den Geldbeutel. Wenn eine Region ihren eigenen Strom erzeugt, dann macht sie sich unabhängig von der Willkür der Großkonzerne. Sie entzieht sich der Marktdominanz der Konzerne, die auf Grund der monopolhaften Strukturen des Energiemarktes bislang die Energiepreise diktieren können. Und da die Konzerne zuallererst das Wohl ihrer Aktionäre - sprich die Rendite - im Blick haben, halten sie die Preise hoch. In einem vernetzten System aus vielen dezentralen und eigenständigen Anlagen kann dagegen wirklicher Wettbewerb entstehen. Und Wettbewerb hat den Preisen und damit dem Geldbeutel der Verbraucher schon immer gut getan.

    Strom aus dezentralen Anlagen ist auch deshalb billiger, weil kein umfangreicher Netzausbau notwendig ist. Die bestehenden Netze können weitgehend genutzt werden. Bei Anlagen, die an einem zentralen Ort riesige Mengen an Energie erzeugen, sind dagegen milliardenschwere Investitionen notwendig, damit die Netze diese Mengen aufnehmen und verteilen können. Investitionen, die den Mehrertrag solcher Projekte klar übersteigen. Ein dezentrales Konzept braucht eben nicht hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen großer Strommasten, um die Energie durch ganz Europa zu transportieren.

    Nachhaltige Impulse für die regionale Wirtschaft
    Strom aus dezentralen Anlagen schont nicht nur das Klima, sondern kurbelt auch die regionale Wirtschaft an. Werden Wind-, Solar- oder Bioenergieanlagen dezentral, also in den jeweiligen Region vor Ort, errichtet, bleibt auch das Geld in der Region – und füllt nicht die Taschen der Konzerne oder der Energiemogule im Ausland. Dezentrale Wind- und Solaranlagen bringen den Kommunen Pacht- und Steuereinnahmen, mit denen sie viele sinnvolle Projekte für die Region und für die Menschen anstoßen können. Dezentrale Anlagen bringen Investitionen und Aufträge für die ansässige Wirtschaft, die in den Regionen viele neue Arbeitsplätze entstehen lassen.

    Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder. Auch in Afrika oder Südamerika profitieren die Menschen noch wesentlich mehr von Wind-, oder Solaranlagen, wenn sie dezentral Strom erzeugen. Wenn sich Bevölkerung und Wirtschaft selbst mit Strom versorgen, ohne von Großkonzernen abhängig zu sein, dann können die erneuerbaren Energien auch in diesen Ländern ihre Kraft als Konjunkturprogramm voll entfalten und so einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Armut und soziale Klüfte überwunden werden.

    Sichere und bedarfsgerechte Energieversorgung
    Strom aus dezentralen Anlagen schont nicht nur das Klima, sondern macht die Versorgung auch wesentlich sicherer. Bei einem dezentralen Konzept stellt sich nicht die Frage, ob die politischen Verhältnisse stabil genug für eine sichere Energieversorgung sind, ob Machthaber nicht den Energiehahn zudrehen könnten, um ihre politisch-strategischen Interessen durchzusetzen. Es stellt sich auch nicht die Frage nach Leitungsverlusten oder anderen Gefahren eines langen Transportweges. Der Strom wird vor Ort produziert und muss bis zum Verbraucher nur kurze Strecken zurücklegen. Bei einer Solaranlage auf dem Dach sogar nur wenige Meter!

    Strom aus dezentralen Anlagen schont nicht nur die Umwelt, sondern wird auch den Anforderungen der künftigen Energieversorgung gerecht. Schon 2020 werden rund 50 vielleicht sogar 60 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt. In diesem System brauchen wir schnell zu- und abschaltbare Regelkraftwerke – und keine trägen Grundlastkraftwerke. Ein System dezentraler Anlagen ist dagegen flexibel genug und kann Energie rund um die Uhr bedarfsgerecht bereitstellen.

    Dezentral überzeugt aber auch in punkto Geschwindigkeit. Mit keinem anderen Konzept lässt sich der dringend notwendige Wandel zu erneuerbaren Energien schneller erreichen. Erfolgt die Energieversorgung dezentral, können Millionen Solaranlagen sowie tausende Windräder und Bioenergieanlagen parallel in den verschiedensten Regionen errichtet werden – je nach Bedarf. Und dieser Bedarf nimmt rapide zu. Die Zahl der 100-Prozent-Regionen, die so schnell wie möglich ihre Stromversorgung komplett auf erneuerbare Energien umstellen wollen, wächst rasant. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird ganz Deutschland eine 100-Prozent-Region sein.

    Deutschland ist führend bei den erneuerbaren Energien. Bislang sind in diesem Sektor hierzulande rund 300.000 Arbeitsplätze entstanden, 2020 soll es eine halbe Million sein – es könnten aber auch eine Million werden! Die Exportquote liegt bei 80 Prozent. Das dezentrale Konzept ist ein wesentlicher Pfeiler, damit diese Führungsposition gehalten werden kann.

  3. Desertec: Strom aus der Sahara | Fairplanet sagt:

    [...] Trojanisches Sonnenpferd [...]

  4. Was wir brauchen sagt:

    [...] der Regionalbewegung propagiert, wie es die Nutzung der erneuerbaren Energien in der Fläche (nicht Desertec!) automatisch mit sich bringt, wie Franz Schreier kleinräumig Energie- und [...]

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