Die großen Linien stimmen nicht

Das Papier der Arbeitsgruppe Energie der Koalitionsverhandler vom 9.11.2013 wird den Herausforderungen des Umbaus der Energieversorgung nicht gerecht. Wer meint, langfristig fossile Großkraftwerke am Netz halten zu können und zu müssen, geht an den großen Linien des notwendigen Umbaus des Energieversorgung vorbei. Und wer den Ausbau der Nutzung Erneuerbaren Energien mit einer Reihe von Instrumenten einbremsen will, statt ihn mit geeigneten flankierenden Maßnahmen zu beschleunigen, verfehlt das Ziel. Folgerichtig steht auch das “Neu-Denken” des Themas Effizienz nicht im Zentrum der Effizienzvorschläge des Papiers. Das wäre aber bei dem notwendigen starken Ausbau der Erneuerbaren Stromerzeugung erforderlich.

Wind- und Solarstrom werden im Zentrum stehen

Wind und Sonne haben aufgrund des natürlichen Angebots und der verfügbaren Techniken zur Nutzung (zumindest soweit derzeit erkennbar) als einzige Erneuerbare das natürliche und praktische Potential die Energieversorgung (inkl. Mobilität) vollständig zu übernehmen. Damit wird sich die Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien zu großen Teilen in eine Stromversorgung verwandeln (müssen) (siehe auch “Weiter machen: Energiewende jetzt!“).

Wie stark muss ausgebaut werden?

2012 wurden in Deutschland nur knapp 25% des Stroms aus Erneuerbaren Energien bereit gestellt. Wir brauchen also Faktor 4 um eine vollständig erneuerbare Stromversorgung zu erreichen. Die Stromversorgung hat wiederum nur einen 20%-Anteil an der Gesamtenergieversorgung inkl. Mobilität (hier anklicken, siehe Graphik “Energiebedarf in Deutschland”). Wir brauchen also noch einmal einen Faktor 5, um eine 100%ige Energieversorgung auf der Basis von Strom zu realisieren.

Wer kann welchen Anteil für den EE-Ausbau liefern?

Da die Energieerzeugung aus Wasser- und Bioenergie in Deutschland (heute rund 50% Anteil an der EE-Stromerzeugung, siehe Graphik oben) aufgrund natürlicher Gegebenheiten nur in überschaubarem Umfang ausbaubar ist (und Tiefen-Geothermie erst noch zeigen muss, dass sie in großem Stil praktisch genutzt wird), brauchen wir einen Faktor 20-40 beim Ausbau der Erzeugungskapazitäten für Solar- und Windstrom (inkl. Repowering). Je mehr z.B. Solarthermie oder Biomasse zur Wärmebereitstellung genutzt oder Einsparungen wirksam erreicht werden (oder wir EE-Strom importieren), umso geringer ist der Faktor (im Inland). Ein Absenken des Verbrauchs wäre an vielen Stellen problemlos möglich, ohne dass es den Menschen schlechter gehen würde - im Gegenteil (siehe auch “Was wir brauchen“). Eine solche Verbrauchsabsenkung ist allerdings derzeit nicht sehr wahrscheinlich.

Heutige Rahmenbedingungen verhindern Investitionen

Wenn Solar- und Windstromkapazitäten um einen Faktor 20-40 ausgebaut werden sollen, muss massenhaft die erforderliche Technik installiert werden. Das wird nur passieren, wenn Weichen auf dieses Ziel hin gestellt werden und es einen verlässlichen Anreiz gibt, nicht nur in Erzeugungsanlagen, sondern auch in die erforderlichen komplementären Netze und Speicher zu investieren. Die Zukunftstauglichkeit von Konzepten muss sich daran messen lassen, ob sie dafür geeignete Weichenstellungen bietet und eine breite dezentrale Beteiligung an den Investitionen ermöglicht. Unter heutigen Rahmenbedingungen wird weder ausreichend in Erneuerbare Erzeugungsanlagen investiert noch in die erforderlichen Speicher und Netze (siehe auch “Speicher und Netze für 100% Erneuerbare“, “Kombikraftwerk 2“ und hier).

EE-Stromproduktion geht “durch die Decke”

Was bedeutet aber eine Weichenstellung, die langfristig zu einem Faktor 20-40 mehr an Wind- und Solarkapazitäten führt? Das bedeutet, dass wir sehr bald und sehr regelmäßig über 100% Strom aus erneuerbaren Energien hinausschiessen (siehe oben, die Graphik von Agora Energiewende). Das ist nur sinnvoll, wenn die komplementäre Einspeisung schnell und vollständig herauf und herunter geregelt werden kann und in Starkstromzeiten auf der Nachfrageseite systematisch Stromüberschüsse “aus dem Netz” gezogen werden. Wind- und Solarstromanlagen, die keine Brennstoffkosten haben, abzuregeln, scheint nur in Ausnahmefällen eine geeignete Maßnahme. Alle zum Eigenverbrauch zu zwingen, ist auch keine taugliche Idee (auch wenn dadurch Strom zu bestimmten Zeiten gar nicht erst ins Netz gelangt). Es wäre ja auch nicht sinnvoll, alle Landwirte dazu zu zwingen, nur so viele Kartoffeln zu produzieren, wie sie zur Erntezeit selbst essen können.

Effizienz neu denken

Die Betrachtung dessen, was man für effizient hält, wird sich stark verändern. Effizienz bedeutet, knappe Güter sparsam zu verwenden. Wind und Sonne sind aber im Gesamtangebot und auch zu bestimmten Zeiten nicht knapp. Sie werden auch nicht mehr dadurch, dass man die Sonne auf den Dächern “verrotten” oder den Wind ungenutzt übers Land streichen lässt. Der Wind und die Sonne von heute sind morgen nicht mehr da. Wir müssen sie dann einfangen, wenn sie da sind. Und dann möglichst sinnvoll verwenden.

Effizienz bedeutet in Zukunft, dafür zu sorgen, dass EE-Stromüberschüsse bei mehr als 100% EE-Strom (!) wirtschaftlich den Weg in thermische und elektrische Anwendungen und Speicher finden und damit fossile Brennstoffe systematisch ersetzen. Wie die optimale Größe und räumliche Verteilung der Speicher und Netze aussieht, hängt von vielen Faktoren ab. In jedem Fall kann aber in großem Umfang bereits bestehende Infrastruktur genutzt werden, z.B. Pufferspeicher bei Starkwind mit Windstrom beheizt werden. Heute fehlt dafür in der Regel die technische und wirtschaftliche Anbindung ans Gesamtsystem.

Anreize für flexible Kapazitäten

Ein strukturelles Überangebot an Strom aufgrund zu vieler atomarfossiler Großkraftwerke, wie wir es derzeit haben, bietet keinen Anreiz für die geeigneten Zukunftsinvestitionen. (Die Auswirkungen auf die EEG-Umlage sind bereits hinreichend beschrieben, siehe z.B. das DUH-Papier im Beitrag “Energie-w-ende“). Der ungehinderte Weiterbetrieb der atomarfossilen Großkraftwerke verhindert damit die notwendige Effizienzrevolution. Flexible Elemente wie heimische Pumpspeicher und Gaskraftwerke werden derzeit aus dem Markt gedrängt. Power-to-Gas lohnt sich unter aktuellen Rahmenbedingungen nicht und dicke Kabel zu Stauseen nach Norwegen werden auch nicht verlegt.

Angebotsschwankungen schaffen Anreize

Ein auf absehbare Zeit stark schwankendes Stromangebot mit entsprechenden starken Preisschwankungen würde einen wirtschaftlichen Anreiz bieten, in flexible Angebots- und Nachfragekapazitäten zu investieren, bzw. vorhandene Kapazitäten systematisch ins System einzubinden. Allerdings werden gleichartige EE-Anlagen (sprich Solaranlagen oder Windräder) vorzugsweise gleichzeitig ins Netz einspeisen und so den Marktpreis nach unten drücken. Investitionen in Wind- und Solarstromanlagen also ausschließlich über den Marktpreis zu refinanzieren wird kein taugliches Modell sein und den erforderlichen Ausbau der Erzeugungsanlagen zum Erliegen bringen. Die Inhaber der Erzeugungsanlagen einzeln zur Speicherung und zeitgerechten Abgabe des Stroms zu zwingen, ist aus Sicht des Gesamtsystems nicht erforderlich. Sie wird Investitionen in Erzeugungsanlagen extrem verteuern und aus Sicht des Gesamtsystems regelmäßig zu ineffizienten Lösungen führen. Die Leistung des Ausregelns kann auch an anderer Stelle erbracht werden, wenn der Marktrahmen dafür da ist.

Atomarfossile an den Markt heranführen

Ein wichtiger Einzel-Baustein des Umbaus der Energieversorgung wäre, atomarfossile Energieerzeugung zeitnah mit den Kosten, die sie derzeit erzeugen und bereits erzeugt haben, voll zu belasten. Damit wären Atomkraftwerke sofort draußen. Keiner könnte sich Atomstrom mehr leisten. Wir würden nicht so viel Strom ins Ausland verkaufen und hätten wieder wirtschaftliche Perspektiven für flexible Kapazitäten. Atomkraft kommt aber im Papier der Koalitionsverhandlungen gar nicht vor.

Wer davon spricht, man müsse die Erneuerbaren “an den Markt heranführen”, will fast immer den Ausbau ausbremsen oder stoppen und sitzt meistens im Glashaus. Wenn Energieerzeuger “an den Markt” herangeführt werden sollen, dann bitte alle, inkl. bereits erhaltener Subventionen (siehe auch “Atomarfossile an den Markt heranführen“).

Verbindliche Ausbaupfade sind untauglich

Verbindliche Ausbaupfade für Strom aus Erneuerbaren Energien, wie sie CDU/CSU und SPD offenbar in unterschiedlicher Höhe vorschweben, wird die Wirklichkeit über den Haufen werfen. Das ist planwirtschaftliches Denken. Die Marktteilnehmer werden sich danach nicht richten. Verbindliche Ausbaupfade sind der Versuch, eine Flut abzuhalten, indem man die Türe zumacht. Unter der Türe wird das Wasser durchkommen. Strom, den der Einzelne billiger produzieren kann, als aus dem Stromnetz zu kaufen, wird sich nicht langfristig aufhalten lassen. Das Einzige was man mit der verschlossenen Türe oder halboffenen Türe erreicht, die das Koalitionspapier vorsieht, ist, dass die Branche der Erneuerbaren in Deutschland in der Entwicklung behindert oder ruiniert wird. Vernünftig wäre - um im Bild zu bleiben -, ein Boot zu bauen!

100% Erneuerbare in Deutschland sind eine weltweite Chance

Die schnelle und vollständige Umstellung der Energieversorgung auf 100% Erneuerbare ist nicht nur für Deutschland eine extreme Herausforderung und gleichzeitig eine enorme Chance. Sie ist vermutlich das einzig wirklich überzeugende Argument, um bei erfolgreicher Umsetzung über Nachahmung (wie beim EEG) die mit unserer heutigen Energieversorgung verknüpften Probleme auch weltweit in den Griff zu bekommen. Auch deshalb sind die Weichenstellungen, die jetzt in Deutschland gemacht werden, so entscheidend.

5 Kommentare zu „Die großen Linien stimmen nicht“

  1. Andreas sagt:

    Danke für den Hinweis auf diesen Beitrag, bzw. den Abschnitt “Effizienz neu denken”, Daniel Bannasch.

    Das ist schon richtig und wichtiger Teil, aber mir fehlen da zwei Punkte. Erwähnt wurde nur die Überschuss-Produktion von Strom,aber was ist in Phasen mit wenig Sonne und wenig Wind? Auch wenn es Speicher gibt, muss die vorhandene Energie so effizient wie möglich genutzt werden. Der Verbrauch wurde nicht berücksichtigt, wie in der generellen Debatte. Bei einer Reduzierung des Verbrauchs, oder global betrachtet, bei einem Stopp des Wachstums im Energieverbrauch, sind die Ziele des Umstiegs auf erneuerbare Energien eher zu erreichen.
    Der andere Punkt, der mir gefehlt hat, war die Sicht auf den heutigen Stand, bzw. auf dem Weg zu 100% erneuerbare Energien. Wir werden noch eine zeitlang fossile Kraftwerke benötigen und nur mit einer Reduzierung des Verbrauchs können wir den Einsatz fossiler Kraftwerke wirtschaftlich minimieren.

  2. Daniel Bannasch sagt:

    Für die Phasen mit wenig Wind und Sonne habe ich verschiedene Links in den Text eingebaut, z.B. Kombikraftwerk 2 und einen Kommentierung zu Power-to-Gas und norwegischen Speichern.

    Ich bin voll dafür, den Verbrauch zu reduzieren, aber bislang hat es an dieser Front praktisch keine Erfolge gegeben, die nicht an anderer Stelle wieder “aufgefressen” wurden.

    Dass Kohlekraftwerke nicht im Kontext mit dem Ausbau der Erneuerbaren funktionieren, habe ich versucht in dem Artikel zu beschreiben. Sie bieten auf der Einspeiserseite zu wenig Regelungsmöglichkeiten. Wenn schon konventionell, dann schnell regelbare Gaskraftwerke. Biogas-BHKW sollten Lückenfüller werden etc.

  3. Andreas sagt:

    Speicher und Flexibilität sind ein wesentlicher Bestandteil, das ist keine Frage.

    Um den Verbrauch zu reduzieren, muss Energie wieder einen Wert haben und mehr Menschen brauchen ein Bewusstsein für das Thema Energie - darüber schreibe ich gerade selber einen Beitrag. Ohne diese Wertigkeit für Energie, werden wir keine Erfolge erzielen in der Energiewende, den Verbrauch nicht reduzieren können und nur noch über Kosten streiten, so wie heute.

  4. Das gute Geschäft mit atomar-fossiler Energie - SUSTAINMENT´s BLOG sagt:

    [...] den Philippinen und über die bundespolitischen Rückschritte im Klimaschutz, welche sich in den Verhandlungen hinzu einer großen Koalition abzeichnen. Ich könnte die sicherheitsrelevanten Warnung des BND vor Klimakonflikten thematisieren [...]

  5. Berliner Energiepolitik: Hoch spannend sagt:

    [...] (siehe dazu auch die Beiträge ”Groko CSPDU: die Energiewende-Abwürger” und “Die großen Linien stimmen nicht“). Das Ganze passt fast so gut zusammen wie die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke [...]

Kommentieren