Paradoxe Intervention: Nehmen wir mal an…

… alles wäre ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint.

Sich der Wahrheit zu nähern, ist immer schwierig. Eine der besten Darstellungen zu diesem Thema bietet der Film “Rashomon” des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa. Aus vielen verschiedenen Perspektiven wird die gleiche Geschichte erzählt und am Ende weiss der Zuschauer immer noch nicht, was wirklich geschehen ist.

Wirtschafts- und Energieminister Gabriel hat vor gut einer Woche sein Eckpunkte-Papier für bzw. gegen die Energiewende präsentiert, um es dann wenige Tage später bei der Klausur in Meseberg vom Kabinett durchwinken zu lassen. Das Papier war offensichtlich weder mit der eigenen Partei, noch der Bundestagsfraktion, noch den Bundesländern und - zumindest nach Aussage von Gabriels Sprecher, wenn man ihm Glauben schenken darf - auch nicht mit dem neuen Energie-Staatssekretär Rainer Baake abgestimmt (siehe dazu auch “Berliner Energiepolitik: Hoch spannend” und “Gabriels umstrittene Energieleistung“; Nachtrag 27.1.: Interessant: Aktuelle Diskussion auf Facebook, wo das “Gabriel-Team” das Eckpunkte-Papier verteidigt; hier anklicken und Antwort von Campact).

Die Inhalte des Papiers sind mittlerweile ausgiebig im Netz und in den Medien diskutiert worden (siehe z.B. auch “Kohle-Erzengel Gabriel bläst zum Frontalangriff auf die Sonne“). Eine Reduktion von Kosten und eine koordinierte Umsetzung der Energiewende - die ja offiziell als zentrale Argumente für eine Reihe von extremen Maßnahmen genannt wurden - scheiden aufgrund der Faktenlage als ernstzunehmende Begründungen für die im Eckpunkte-Papier gemachten Vorschläge aus.

Eine Fundierung des Eckpunkte-Papier auf der langjährigen Programmatik der SPD kann ebenfalls ausgeschlossen werden.

Das Eckpunkte-Papier widerspricht nicht nur der langjährigen Programmatik der SPD, sondern bereits im Ansatz vielen Grundpositionen, die Gabriel früher selbst vertreten hat. Das müsste man allerdings bei Politikern seit Adenauer (”Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern”), in dessen Tradition sich Gabriel damit stellen würde, nicht weiter erstaunlich finden.

Jetzt muss man sich fragen, mit welcher Motivation Gabriel denn dann das Papier in der Form, wie er das getan hat, auf den Markt geworfen hat. Einfach nur um Schnelligkeit und Entschlossenheit zu zeigen?

Mögliche Erklärungen für das Gabriel-Papier wären:

1. Gabriel ist nach dem SPD-Mitgliederentscheid so von seiner eigenen Machtfülle überzeugt und hat jegliche Bodenhaftung verloren, dass er es nicht für nötig gehalten hat, sich abzustimmen.

2. Gabriel will die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien - trotz gegenteiliger Beteuerungen - gar nicht und versucht, sie zugunsten von Braun- und Steinkohle abzuwürgen.

3. Gabriel macht sich zum Erfülllungsgehilfen der vier großen Energiekonzerne und ihres atomarfossiles Geschäftsmodell und hilft ihnen, ihre Pfründe gegen die immer stärker werdenen Erneuerbaren abzusichern.

4. Gabriel hat das Papier von Lobbyisten der alten Energiewirtschaft geschrieben bekommen, nicht verstanden, was das eigentlich heisst und glaubt deshalb tatsächlich, mit diesen Vorschlägen könne man kostengünstig und schnell die Energiewende umsetzen.

…und so weiter und so fort.

Jetzt könnte es aber auch noch eine grundsätzlich andere Erklärung geben, wie ein Mitglied von MetropolSolar zu bedenken gegeben hat. Sie wirkt auf den ersten Blick unwahrscheinlich, je länger man darüber nachdenkt, umso charmanter wird der Gedanke.

“Nehmen wir einmal an…” ist vermutlich für alle, die Volkswirtschaft studiert haben (so wie z.B. die Staatssekretäre Baake und Flasbarth und der Autor dieses Beitrags), ein sehr vertrauter Satz sein.

Nach der Einleitung “Nehmen wir einmal an…” kommt bei Volkswirten nahezu immer eine Annahme, die so weltfern ist, dass man nie fürchten muss, dass das Modell, das man darauf aufbaut, jemals irgendetwas zur Erklärung der Wirklichkeit beitragen könnte.

Zur Verdeutlichung eine kleine Geschichte:

Ein Mathematiker, ein Experimentalphysiker und ein Volkswirt werden nach einem Schiffbruch auf eine einsame Insel verschlagen. Es ist ihnen gelungen, eine ordentliche Menge Konservendosen aus dem gesunkenen Schiff mit auf die Insel zu retten. Sie müssen also nicht sofort verhungern. Problem: Sie haben keinen Dosenöffner! Was tun? Der Experimentalphysiker zögert nicht lange, nimmt sich sofort eine Dose und wirft sie so oft auf einen Stein, bis sie offen ist. Der Mathematiker setzt sich unter eine Palme, berechnet eine optimale Flugbahn, nimmt nach fertig gestellter Berechnung eine Dose und wirft sie. Sie trifft beim ersten Mal perfekt auf einen Stein und ist offen.

Der Volkswirt steht bleich und grübelnd in der Sonne und murmelt vor sich hin: ”Nehmen wir an, wir hätten einen Dosenöffner…”

Diese kleine Geschichte sagt viel zur Praxisrelevanz der Äußerungen von Volkswirten im allgemeinen. Trotzdem werden sie - wie z.B. der von vielen sehr geschätzte Volkswirt Hans-Werner Sinn oder die Wirtschaftsweisen mit ihren Prognosen - ernst genommen. Dafür gibt es bei näherem Hinsehen wenig Anlass.

Der fundamentalste Annahme-Fehler in der Volkswirtschaft war z.B. lange die - immer noch weit verbreitete - Annahme, der Mensch sei ein “homo oeconomicus”, der seinen eigenen Vorteil auch auf Kosten anderer zu maximieren sucht. Inzwischen weiss man - wissenschaftlich sauber fundiert -, dass das Unsinn ist (siehe dazu “Wieso uns Kooperation zufrieden macht“).

Nach dieser ausführlichen Einführung nun zur eigentlichen Geschichte:

Nehmen wir einmal an, Gabriel würde die Energiewende hin zu 100% erneuerbaren Energien wirklich wollen. Zugegeben, das ist nicht sehr wahrscheinlich, aber nehmen wir das einfach mal an. Er behauptet es ja auch immer wieder.

Dann hätte er jetzt ein engagiertes, gut durchdachtes und im Vorfeld sauber ausdiskutiertes Papier vorlegen können, um zu zeigen “Wie es gehen könnte“ (Link anklicken lohnt). Was wäre passiert? Er hätte sich damit viel Ärger mit der eigenen Partei, dem Koalitionspartner CDU/CSU, den Lobbyisten der großen Energiekonzerne, den Länderfürsten etc. eingehandelt. Am Ende wäre davon nicht viel übrig geblieben. Sie hätten ihm das Papier in der Luft zerrissen.

Es gibt einfach zu viele Interessen, die einer Umstellung der Energieversorgung auf 100% erneuerbare Energien entgegen stehen, obwohl diese Umstellung netto Arbeitsplätze schafft, von der Mehrheit der Gesellschaft gewollt (siehe “Bürgerwillen umsetzen - Branche retten“) und volkswirtschaftlich vorteilhaft ist. Siehe dazu auch eine ganz aktuelle Fraunhofer-Studie:

Nehmen wir einmal an, Gabriel wäre so klug gewesen zu sehen, dass er mit einem überzeugenden, ernst gemeinten, positiven Vorstoss für 100% Erneuerbare Energien nur hätte scheitern können. Nehmen wir einmal an, Gabriel hätte sich deshalb entschlossen, den umgekehrten Weg zu gehen.

Nehmen wir an, das Eckpunkte-Papier wäre eine Paradoxe Intervention.

Sie kennen paradoxe Interventionen? Jemand anderen zum Gegenteil dessen auffordern, was man eigentlich will, damit er aus Protest genau das tut, was man will. Bei Kindern funktioniert das besonders gut: Etwas verbieten oder fordern, um das Gegenteil zu erreichen.

Trotz oder der Reiz des Verbotenen können wahre Wunder wirken, wenn auf dem Weg der Vernunft und dem Versuch der liebevollen Überzeugung vom (aus Sicht der Eltern vermeintlich) richtigen Tun nichts mehr geht. Reife bedeutet laut Watzlawek (”Anleitung zum Unglücklich sein“), das Richtige zu tun, OBWOHL die Eltern es sagen. Wie Sie wissen, können paradoxe Interventionen auch bei Erwachsenen immer noch erstaunliche Erfolge aufweisen.

Nehmen wir an, Gabriel hätte in sein unabgestimmtes Schnellschuss-Eckpunkte-Papier alle rückwärtsgewandten Forderungen von Gewerkschaften (siehe auch “Skandal Fahimi: Die Energie-Trojanerin“) und “Anti-Windkraft-Naturschützern”, alle Geschäftsinteressen der atomarfossilen Lobby (siehe auch “Energie-Lobbytik der CSPDU“), alle Angriffe seines Koalitionspartners CDU/CSU und aus den Reihen der SPD (siehe auch “GROKO CSPDU: Die Energiewende-Abwürger“) hineingeschrieben und es dann mit Absicht ohne vorherige Diskussion auf den Markt geworfen, DAMIT es in der Luft zerrissen wird. Und gleichzeitig mit dem Koalitionspartner in Meseberg kuscheln.

Wäre doch eigentlich ein genialer Schachzug und Gabriel ein ganz schlauer Fuchs.

Naja: wahrscheinlich ist die versuchte Vermutung, die in diesem Beitrag entwickelt wurde, Gabriel wolle die Energiewende wirklich und ernsthaft, doch so weltfremd, wie die üblichen “Volkswirte-Annahmen”, die wenig zur Erklärung der Realität beitragen.

Aber immerhin kann man feststellen, dass Gabriels Eckpunkte-Papier nicht nur jede Menge Zustimmung unter den altbekannten Gegnern von 100% Erneuerbaren erfährt (z.B. EU-Oettinger, Energiekonzerne). Das Papier hat mittlerweile eben auch sehr viele unterschiedliche (z.B. EUROSOLARWindprojektierer, Umweltverbände (siehe hier und hier), Landräte (z.B. hier auch gegen Seehofers Abstandspläne), (zukünftige) Solaranlagennutzer, Energiegenossenschaften, Verbände der industriellen Energie- und Kraftwerkswirtschaft, Verband für Wärmelieferung und Bundesverband KWKBundesverband regenerative Mobilität BRM usw.) und - mit einigen Ministerpräsidenten - zum Teil auch mächtige Gegner in der Republik.

Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Inhalte des Gabriel-Papiers so umgesetzt werden können, wie sie im Augenblick dastehen, sehr überschaubar geworden ist. Und das eröffnet dann ja die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, was denn eigentlich wirklich vernünftig wäre und ”Wie es gehen könnte“ (Link anklicken lohnt).

Der Autor dieses Beitrags hat mit einem profilierten Vorkämpfer für Erneuerbare Energien persönlich um ein opulentes Mahl gewettet, dass das Eckpunkte-Papier in zwei Wochen wieder vom Tisch ist. Es wäre ausgesprochen schade, wenn die Wette verloren ginge. Für jede Unterstützung, die zum Gewinn der Wette führt und dazu, dass wir aus dem Gabriel-Papier eine paradoxe Intervention machen (und dafür braucht es viel Gegenwind!), ganz gleich, ob Gabriel selbst das so gemeint hat oder nicht, ist der Autor ausgesprochen dankbar.

100% Erneuerbare brauchen eine Lobby. Uns. Werden Sie ein Teil davon.

2 Kommentare zu „Paradoxe Intervention: Nehmen wir mal an…“

  1. Schmidt sagt:

    Erinnert mich jetzt ein bißchen an “wenn das der Führer wüßte..”. Aber wirklich nur ein bißchen.
    Vergessen darf man nicht dass Gabriel der Energieminister ist und soviel Macht in diesem Bereich hat wie nie ein Vorgänger zuvor. Ich tippe auf Punkt 2 und 3. Clement hats auch so gemacht.

  2. Age-Pi sagt:

    … und dazu lässt Merkel Ihren Freund Gabriel voll gegen die Wand laufen …

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