Wir sind das Volt!

Heute ist der 11. März, der 3. Jahrestag von Fukushima. Nach einem etwa einjährigen Energiewende-Hype nach Fukushima ist die öffentliche Energie-Diskussion nach und nach wieder in die energiepolitische Steinzeit zurückgefallen. Es ist eine der größten PR-Leistungen der atomarfossilen Lobby, dass das Thema 100% erneuerbare Energien auf die Strompreisdiskussion reduziert wurde - mit den Erneuerbaren Energien und dem EEG als Sündenbock (siehe hierzu: Politischer Kurzschluss - zählt nur der Strompreis?).

Statt zu den Experten für Energieeffizienz und erneuerbare Energien in die Regionen und aufs Dorf zu kommen und dort das Gespräch und die Kompetenz für den Umbau der Energieversorgung zu suchen, läuft die lobbygesteuerte Bundespolitik lieber zwischen Brüssel und Moskau hin und her und tut alles, damit Atomkraftwerke weiter gebraucht werden, die nächsten Dörfer für einen völlig irrsinnigen Braunkohletagebau fallen und die 100 Milliarden teure Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus zweifelhaften Regionen in dieser Welt erhalten bleibt.

“Wie es gehen könnte…”, wie also der Umbau der Energieversorgung in Richtung 100% erneuerbare Energien erfolgen könnte, ist bereits in diesem Blog beschrieben worden (hier anklicken). Trotz inzwischen massenhafter Verbreitung dieser Energiewende-Skizze, die in nahezu allen wesentlichen Punkten diametral zu den aktuell geplanten neuen EEG-Rahmensetzungen (hier anklicken) steht, hat es bislang keinen ernsthaften Nachweis von Denkfehlern gegeben. 100 EUR sind vom Autor für den Ersten ausgesetzt, der einen echten Denkfehler nachweist.

Was wir für die Reform des EEG und des Energiemarkts jetzt brauchen sind folgende Bausteine (das sind Grundlinien für die Diskussion über notwendige Weichenstellungen, keine ausgefeilte Studie):

  • keine Deckel für Solar- und Windstrom
  • keine Kapazitätsmärkte für Großkraftwerke (sie würden EE-kompatible Flexibilitätsoptionen behindern statt fördern. Bald werden Braunkohle und Atomkraft ohnehin aus dem Markt fallen (s.u.) und die Nutzung reichlich vorhandener Flexibilitätsoptionen lohnt sich dann auch ohne Förderung)
  • keine direkte Belastung der Eigenstromerzeugung egal welcher Herkunft
  • Brennstoffsteuern, die Braunkohle, Steinkohle, Erdöl und Erdgas teuer machen, indem man ihnen die Schäden anlastet, die sie durch ihre Verbrennung erzeugen. Statt Emissionshandel.
  • Systematische Weichenstellungen für Power-to-Heat statt neuen Kohle-Rendite-Trassen
  • Systematische Einbindung von Flexibilitätsoptionen - zunächst insbesondere Wärmespeicher - in virtuelle Kraftwerke.
  • Neue Rahmensetzung für Biogas, so dass sich Regelenergie in kalter dunkler Flaute bei vollständiger Wärmeabnahme zur einzig wirtschaftlichen Option entwickelt.
  • Rückführung aller Energie-Netze als natürliche Monopole in öffentliche Hand mit kostendeckender Steuerfinanzierung statt Privatrenditen
  • Abschaltung aller Atomkraftwerke, weil Atomstrom bei realistischer Einrechnung aller Kosten heute schon völlig unbezahlbar ist und ein GAU jederzeit möglich ist.
  • geordnete Abwicklung der atomarfossilen Großkonzerne
  • Bahn frei für bürgerschaftliche Akteure für 100% Erneuerbare Energien - die Träger der Energiewende!

Der Weg zu 100% erneuerbaren Energien ist immer noch ein Kampf von David gegen Goliath.

Aber der Vergleich hinkt natürlich. Die Davids sind inzwischen Millionen - EnergiebürgerInnen und kleine und mittlere Unternehmen - und die Goliaths vielleicht 100: RWE, EnBW, Vattenfall, E.On, BASF/Wintershall, Exxon, Gazprom, BDI, BDEW, EFI, RAG, Evonik, Oettinger/Almunia-EU… Eigentlich ein überschaubares Feld. Aber nach wie vor sehr mächtig. Mit ihren Milliarden gelingt es den Goliaths immer noch die öffentliche und wissenschaftliche Debatte (scheinbar) zu dominieren.

Die Goliaths wissen, dass ihre Tage gezählt sind: die atomarfossilen Geschäftsmodelle werfen zwar im Moment noch astronomische Gewinne ab, stehen aber bereits mit dem Rücken zur Wand. Die atomarfossilen Energie-Goliaths mit Ihren Großkraftwerken, Großraffinerien, Großpipelines, Großbaggern, Großtagebauen, Groß-Ölplattformen, Großtankern, Groß-Zerstörungen usw. werden innerhalb weniger Jahre gegen die Davids Photovoltaik, Wind und KWK verlieren. Utopisch? In weiter Ferne? Der Zusammenbruch wird möglicherweise schneller kommen, als die meisten sich das vorstellen können. IBM hat nicht geglaubt, dass ihre Großrechner Konkurrenz fürchten müssten und dann innerhalb weniger Jahre den Kampf gegen die PCs verloren. Und IBM ist nicht das einzige Beispiel für eine solche Entwicklung.

Vor allem die billige Photovoltaik wird nicht mehr aufzuhalten sein. Heute bei 10 ct/kWh und auf dem Weg Richtung 5 ct/kWh ist sie wie Wasser, das in den Beton einsickert und ihn früher oder später sprengt oder wie die Flut, vor der man versucht sich zu schützen, indem man die Türe schließt. Es wird die Flut bremsen, aber nicht aufhalten. Besonders gefährlich für das alte Energiesystem: die zeitliche Verteilung der Solarstromerzeugung. Grundlastkraftwerke, die nicht abgeschaltet werden können, werden schon sehr bald nicht mehr mit Stromspitzen in der Mittagszeit kompatibel sein. Dann fallen Braunkohle und Atomkraftwerke aus dem Markt. Als nächstes folgt dann die Steinkohle. Und ganz am Ende der Entwicklung bleiben nur flexible EE-Gas-BHKW übrig.

(Graphik von Agora Energiewende)

Die Goliaths haben Angst und wer aus Angst handelt, hat drei “Strategien” zur Verfügung: totstellen, flüchten oder angreifen. Im Augenblick erleben wir den Angriff als dominante Strategie. Ständig neue Studien, Lügen, “Gutachten”, die 100% erneuerbare Energien als technisch unmöglich und wirtschaftlich untragbar erscheinen lassen sollen.

Die Goliaths stehen auf der Verliererseite der Energiewende. Das ist nicht zu vermeiden. Mit ihnen wird kein gemeinsamer Masterplan zum Umbau der Energieversorgung in Richtung 100% Erneuerbare im Konsens vereinbart werden können. Sie haben Milliarden in Infrastruktur investiert und sind als Aktiengesellschaften ihren Aktionären gegenüber verpflichtet, Rendite daraus zu erwirtschaften. Persönliche Einsichten oder Überzeugungen handelnder Personen sind dabei nicht relevant. Das ist traurig, aber kaum zu ändern.

Nicht die Konzerne der alten Energiewirtschaft und ihre Lobbyisten, die das mit umfangreichen Werbekampagnen glauben machen wollen, sondern die Davids, die Bürgerinnen und Bürger, Solarvereine, kleine und mittlere Unternehmen, Landwirte, Energiegenossenschaften, manche Stadtwerke und…. sind die Treiber einer Energiewende Richtung 100% erneuerbare Energien, die gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich enorme Vorteile bringt.

“Wir sind das Volt!”. Das war der Spruch eines baden-württembergischen Unternehmens zum Erneuerbare-Energien-Aktionstag für Unternehmen am 6. März. Am 22. März und am 10. Mai folgen die nächsten Demonstrationen, bei denen es darum geht, die “Energiewende” mal wieder vor der Politik zu retten.

  • Lassen Sie uns gemeinsam auf die Straßen gehen.
  • Sprechen Sie Ihre Mandatsträger an.
  • Werden Sie Follower von MetropolSolarRN auf Twitter.
  • Verbreiten Sie gute Informationen in Ihren sozialen Netzwerken.
  • Lesen Sie Hermann Scheer und schauen Sie sich alte Video-Aufzeichnungen im Internet an.
  • Schreiben Sie Leserbriefe an ihre Zeitung.
  • Klären Sie Freunde, Bekannte und Verwandte auf.
  • Rufen Sie im Wirtschaftsministerium an.
  • Bauen Sie weiter Erneuerbare Energien-Anlagen.

Und last but not least: Werden Sie Mitglied bei MetropolSolar! Wir wollen in diesem Jahr unser Mitgliederzahl von knapp 300 auf 600 verdoppeln. Oder verdreifachen. Oder… Wir werden nur dann weiter für die Energiewende arbeiten können, wenn wir eine ausreichende, unabhängige und beständige Basis haben: Sie.

Erneuerbare Energien brauchen eine Lobby. Uns. Werden Sie ein Teil davon.

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