Kasperletheater der Tri, Tra, Trassenfreunde

Wichtiger Nachtrag am 16.5.2015: “Der neue Strippenzieher der Netzagentur” vom 5.3.2012. Wer diesen Artikel liest, den braucht die real existierende Netzdiskussion nicht mehr weiter zu verwundern.

Der Umbau der Energieversorgung in Richtung 100% erneuerbare Energien erfordert starke Veränderungen im gesamten Energiesystem, u.a. eine Anpassung der Stromnetze und eine neue Energiemarktordnung.

Was wir nicht brauchen und was sogar ausgesprochen kontraproduktiv ist, ist der Bau von Hochspannungsgleichstrom-Übertragungsleitungen - kurz: HGÜ-Trassen.

Leider gibt es einen parteiübergreifenden “Verein der Trassenfreunde”, zu dem auch der baden-württembergische Umweltminister Untersteller und einige seiner grünen Kollegen aus anderen Bundesländern gehören.

Trassen lösen in einem 100% Erneuerbaren Energien-System, das wir aus vielen Gründen zwingend brauchen, weder das Problem der zukünftig extrem hohen lokalen und regionalen Erzeugungsspitzen bei Wind- und Solarstrom noch das völlige Fehlen von Wind- und Solarstrom in der sogenannten “Dunklen Flaute”, die sich im Extremfall auch schon mal über ein paar Wochen erstrecken kann.

Wenig hilfreich für die Diskussion ist, dass der Rentner Joachim Nitsch in einem Gutachten für die baden-württembergische Landesregierung den HGÜ-Trassen (vorsichtig) das Wort redet - auch wenn er andere wichtige und richtige Bausteine für den Umbau der Energieversorgung in den Vordergrund stellt.

Die Ergebnisse einer Studie hängen immer entscheidend von den gemachten Annahmen ab. Wer die durchschlagende Kraft billiger Wind- und vor allem Solarstromerzeugung nicht ernsthaft berücksichtigt, kommt zu Ergebnissen, die bald von der Wirklichkeit überrollt sein werden.

Siehe dazu u.a. die Beiträge: “Die Fünf Cent-Revolution”, “Wie es gehen könnte“, “Die großen Linien stimmen nicht“, “Wir sind das Volt” und “Stürmische und sonnige Weihnachten” - bitte gründlich lesen!

Zentral für die Lösung der Probleme beim Umbau der Energieversorgung in Richtung 100% erneuerbare Energien sind u.a. Stichworte wie

  • Power-To-Heat
  • regelbare Ortsnetztransformatoren
  • Ertüchtigung der Verteilnetze
  • flexible Lasten
  • schnell regelbare Gaskraftwerke
  • Speicherung von erneuerbarem Gas
  • wirtschaftliche Rahmenbedingungen für dezentrale Blockheizkraftwerke (BHKW)
  • lokale Stromspeicher
  • Power-To-Gas

Nitschs Gutachten beantwortet die Frage der langen Dunklen Flaute und den Umgang mit einer zukünftig extrem hohen lokalen Wind- und Solarstromproduktion nicht oder nur unvollständig. “Die Fünf Cent-Revolution” der Photovoltaik kommt in seinem Gutachten nicht erkennbar vor.

Nitsch hat auch in der Vergangenheit immer darauf geachtet, sich gegenüber seinen Auftraggebern nie zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Immer ein bißchen provozieren, damit alle sagen können “das ist aber anspruchsvoll”, aber nie so viel, dass man das nächste mal als Gutachter nicht mehr gefragt wird.

Ähnlich einzuordnen wie Nitschs Gutachten sind deshalb auch die politisch vorgegebenen Szenarien, auf deren Basis die Bundesnetzagentur ihre Netzplanungen erstellt. Immerhin sieht die Bundesnetzagentur inzwischen die Kohlekraftwerke am Ende (hier anklicken).

Aber lesen Sie selbst. Hier einige Dokumente zum Thema:

Der grüne Umweltminister Untersteller verwendet in einer Presseerklärung vom 6.10.2014 genauso wie der SPD-Wirtschaftsminister Gabriel das Unwort “De-Industrialisierung” (siehe MPS Energie Un.Wörterbuch).

Der politisch gewollte und tatsächliche Ruin von weiten Teilen der Erneuerbare-Energien-Branche scheint Gabriel und Untersteller weniger Kopfzerbrechen zu bereiten, jedenfalls nicht so viele, das man darüber laut und wiederholt öffentlich reden müsste.

Sie gieren nach Anerkennung von großen Wirtschaftsbossen, Gewerkschaftern und Konzernen statt solide soziale und grüne Politik im eigentlichen Sinne zu machen. Mit markigen industriefreundlichen “Die Schlote müssen rauchen”-Sprüchen wetteifern sie darum, wer von beiden der bessere Möchte-Gern-CDU-Wirtschaftsminister ist und machen sich mit der Propagierung und Umsetzung einer ganzen Reihe von zerstörerischen Konzepten zu willigen Erfüllungsgehilfen der fossilen Blockierer.

Sie treten eine einstmals boomende mittelständisch geprägte erneuerbare Energien-Branche, Energie-Genossenschaften und viele Millionen Akteure der Bürgerenergie, die die erneuerbaren Energien mit vereinten Kräften und massenhaften kleinen und mittleren Investitionen auf Weltniveau gebracht haben, mit Füßen. Aber: Was sind schon die vielen Kleinen - außer Statisten für energiepolitische Sonn-Tags-Reden - im Vergleich zu einer Handvoll lobbystarker großer renditeorientierter Fossil-Konzerne und Finanzinvestoren (siehe dazu “Fragwürdige Rendite“)?

1600 Entlassungen beim Wechselrichterhersteller und (bisherigen) Weltmarktführer SMA (siehe hier)? 50.000-100.000 Solarjobs in Deutschland in 2 Jahren mutwillig zerstört? Zermürben der Erneuerbare-Energien-Pioniere, Insolvenzen, Abwanderung einer Mega-Zukunftsbranche (siehe hier)? Abgeben der hart erarbeiteten deutschen Spitzenreiter-Position in Zeiten des weltweiten Durchbruchs?

Sei’s drum! Merkel’sche Atempause (siehe hier)! Mit ruhiger Hand vor die Wand!

Warum hat Untersteller (und weitere Grüne) die Eigenstromversorgung von Unternehmen (Investition in Erneuerbare und BHKW) durch seine Unterstützung für eine Verschlechterung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen (Eigenstrom-Umlage, siehe dazu ”Stürmische und sonnige Weihnachten“) erschwert und redet dann von drohender “De-Industrialisierung”?

Untersteller unterscheidet bei seiner Aussage zu Netzen zunächst auch nicht zwischen Verteilnetzen und HGÜ-Trassen. Bei den Verteilnetzen muss sich viel tun für eine gelingende dezentrale Energieversorgung auf der Basis von 100% erneuerbaren Energien. Sie müssen angepasst und ausgebaut werden. Auch die ein oder andere Hochspannungsleitung wird nach Bedarf verstärkt werden müssen. HGÜ-Trassen sind dagegen nicht nur einfach überflüssig, sondern kontraproduktiv - Assets für Investoren mit staatlich garantierter 9%-Rendite (siehe z.B. hier).

Hier aus einem Schreiben aus einiger grüner Länderminister vom Herbst 2014:

Das Motto der aktuellen Trassen-Diskussion ist nach wie vor: “Alle gegen Seehofer” und zwar ganz gleich aus welcher Partei.

Wie im Kasperletheater hauen alle mit vereinten Kräften dem Horst auf die Mütze und der sagt bei jedem neuen Schlag mit dem Knüttel: “Mir san mir” was so viel heißt wie: “Ich bin ich - heute so und morgen, morgen genau das Gegenteil von heute und übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach wie gut, dass niemand weiss, …”

Es ist sicher nicht angebracht einem Atomfreund, Windkraft-Torpedierer und Turbo-Energiewende-Kreisel wie Horst Seehofer, der auf Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke schielt, dankbar zu sein - aber ohne seine Blockade-Haltung wäre das Thema Trassen bundespolitisch wahrscheinlich kein prominentes Thema mehr.

Auch Seehofers Ruf nach wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Betrieb und Neubau von Gaskraftwerken zum Ausregeln des volatilen Wind- und Solarstroms ist richtig (siehe z.B. hier). Es ist grundfalsch, dass der Rahmen derzeit so gesetzt ist, dass Braunkohle- und Atomkraftwerke durchlaufen, während Gaskraftwerke und Blockheizkraftwerke unrentabel werden. Wir brauchen eine neue Energiemarktordnung, die auf 100% Erneuerbare in Bürgerhand ausgerichtet ist (siehe z.B. hier)!

Bei 100% erneuerbaren Energien müssen wir in der Lage sein, eine Vollversorgung mit Erneuerbaren-Gas-(Blockheiz)-Kraftwerken bereit zu stellen. Für diese Residualkraftwerke, die nur noch im Notfall bei Dunkler Flaute anspringen, braucht es wirtschaftliche Rahmenbedingungen (siehe: “Wie es gehen könnte“).

BREAKING NEWS 14.2.2015: Seit neuestem gibt es dieses absurde Theaterstück übrigens auch mit Volker Bouffier in der Rolle des “Auf die Mütze”-Horst: ”Streit um Stromtrassen: Gabriel wirft Bouffier Torpedierung der Energiewende vor“. Der Ober-Bürgerenergiewende-Torpedierer Gabriel (siehe hier und hier und hier und hier) wirft einem anderen Energiewende-Torpedierer, die Torpedierung der Energiewende vor. Es ist eindeutig Karnevalszeit. Helau, Alaaf und Gute Nacht!

Von einer fundierten Diskussion der Trassen- und Netzausbaufrage kann bislang keine Rede sein. Das Thema wird auf dem Niveau abgehandelt “Scheitert der Euro - scheitert Europa”. Analog: “Scheitern die Trassen - scheitert die Energiewende”.

Dass der Speicherforscher Michael Sterner (”Energiespeicher - Bedarf, Technologien, Integration“), der mit dem Thema Power-To-Gas bekannt geworden ist, sich in der Wochenzeitung ZEIT pro Trassen äußert, ist völlig absurd (”Netzausbau ist die mit Abstand günstigste Option“), weil es zentrale Aspekte, die für den Umbau der Energieversorgung relevant sind, ausblendet.

Vernünftig ist ein Antrag der stark von einem gemeinsamen Wahlkampf mit Hermann Scheer geprägten hessischen SPD zum Südlink:

Wie so oft hatte Hermann Scheer auch bei der Frage der Netze den klarsten Kopf. Man muss annehmen, dass die bundespolitische Debatte völlig anders abliefe, wenn er noch leben würde.

Entscheidend, vor allem auch für die notwendige Geschwindigkeit beim Umbau des Energiesystems, ist die Mobilisierung von Millionen Akteuren für eine dezentrale 100%-Versorgung.

Sie wird durch Trassen und viele andere derzeit im Interesse weniger Konzerne durchgedrückte Konzepte (EEG-Deform, Emissionshandel, Eigenstromumlage, Ausschreibungen, Verschärfungen im Kapitalanlagegesetz-Buch u.a.) niedergemacht.

Die Leute wollen, die Politik muss sie flankieren statt auszubremsen!

Was wir brauchen ist: “Think big in small pieces!”

Ein Blick zurück: Wir haben seit 2006 eindringlich vor dem Bau neuer Kohlekraftwerke gewarnt - u.a. aus klimapolitischen und wirtschaftlichen Gründen. Auch hier wurde von vielen Entscheidungsträgern in Bund, Ländern, Ministerien und Energiekonzernen ein Bedarf behauptet. Eine “Stromlücke” würde zu einem Zusammenbruch Deutschlands führen, die Erneuerbaren Energien seien nicht in der Lage die Lücke zu schließen. Erneuerbare seien unwirtschaftlich. Neue Kohlekraftwerke “unverzichtbar”!

Und was ist heute?

Wind- und Solarstrom sind konkurrenzlos billig und wir exportieren Strom wie die Weltmeister. Kohlekraftwerke sind unwirtschaftlich und die Konzerne schreien nach Subventierung durch Kapazitätsmärkte (siehe z.B. “Würden so nicht mehr entscheiden“).

Milliarden sind in den Sand gesetzt worden. Und die GAGROKO (ganz große Koalition) der Trassenfreunde ist gerade dabei, die Weichen für die nächsten Milliarden Fehlinvestitionen mit staatlich garantierter Rendite zu stellen. Diese Investitionen werden dem schnellen Umbau in Richtung 100% erneuerbare Energien in Bürgerhand als die nächsten großen Stolpersteine in den Weg gelegt.

6 Kommentare zu „Kasperletheater der Tri, Tra, Trassenfreunde“

  1. Bert Robel sagt:

    Wenn Wind- und Solarstrom konkurrenzlos billig sind, warum wollen sie für neue Anlagen dann immer noch die 20-jährige EEG-Zwangsvergütung haben?

  2. Daniel Bannasch sagt:

    Lesen Sie mal gründlich die Verlinkungen im Blogbeitrag. Da steht warum.

  3. Daniel Bannasch sagt:

    Siehe zum Thema auch folgenden Beitrag im SWR von 2014 mit unserem Mitglied Josef Werum: http://swrmediathek.de/player.htm?show=47de11d0-5927-11e4-84e4-0026b975f2e6

  4. Daniel Bannasch sagt:

    Bei dieser Personalie muss einen überhaupt nichts mehr wundern: http://www.klimaretter.info/politik/hintergrund/10717-der-neue-strippenzieher-der-netzagentur

  5. Die Welt ist ein Seerosenteich sagt:

    [...] der Mann zum Henker: ‘Aber seien Sie bitte vorsichtig. Ich bin Bluter.’”), HGÜ-Trassen mit Traumrenditen für die Betreiber, nach denen grüne Spitzenpolitiker schreien, Baakesche Deckelung der Nutzung erneuerbaren Energien mit absurden Ausbaupfaden und [...]

  6. Wind und Netze für die Energiewende sagt:

    [...] Thema siehe auch “Kasperletheater der Tri-Tra-Trassenfreunde“, “Wind gewinnt” und “Eine Frage mit Sprengstoff: Wem nutzt [...]

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