Die Welt ist ein Seerosenteich

Die Frage heisst “Clean Disruption or Climate Disruption?”. Warum lineares Denken keine Antwort auf die drängendsten Fragen unserer Zeit liefert. Und warum wir Guerilla-Masterpläne für die Seerosenzucht machen sollten.

Wahrscheinlich kennen Sie diese Rätselfrage: “In einem Teich verdoppelt sich die Zahl der Seerosen jeden Tag. Nach 40 Tagen ist der Teich zugewachsen. Wann war der Teich zur Hälfte zugewachsen?” Spontane Antwort: nach 20 Tagen. Falsch. Richtig ist: nach 39 Tagen. (Nachträgliche Anmerkung: in realen Wachstumsprozessen flacht das Wachstum ab einem bestimmten Zeitpunkt ab, was die Grundaussage dieses Beitrags allerdings nicht berührt).

Wenn etwas exponentiell wächst, passiert lange fast nichts und dann geht es schlagartig. Solche Entwicklungen zu erkennen und uns darauf einzustellen, widerspricht unserem Fühlen und Denken. Die meisten mögen Beständigkeit, Kontinuität und Berechenbarkeit einfach lieber als Revolutionen. Rasante Veränderungen und Chaos machen Angst. Angst ist aber ein schlechter Ratgeber.

Wenn die Flut kommt

Wenn die große Flut kommt, bringt es nichts, die Tür zu schliessen. Es ist vielleicht naheliegend, aber auch genauso sinnlos. Wenn das Haus standhält und Tür und Fenster nicht aufbrechen, drückt das Wasser trotzdem ins Haus, nur langsamer und man ertrinkt irgendwann trotzdem. Das einzige, was wirklich hilft, wenn man die Flut kommen sieht: Man muss ein Boot bauen und zwar schnell. Wenn man im fertigen Boot sitzt, wenn die Flut da ist, trägt sie einen nach oben.

Die schlechte und die gute Nachricht

Die schlechte Nachricht ist: globale Erwärmung ist keine lineare Entwicklung. Es wird nicht einfach nach und nach überall ein bisschen wärmer. Damit könnten wir gut leben - besonders in Deutschland. Aber so ist es nicht. Wenn bestimmte Kipp-Punkte überschritten werden, gibt es selbstverstärkende Effekte und chaotische Ketten-Reaktionen.

Die gute Nachricht ist: Auch die Ausbreitung innovativer Techniken funktioniert regelmäßig nicht linear. Zunächst kaum wahrnehmbar, teuer und groß, sorgen Preisverfall durch Skaleneffekte und “Nutzbarkeit für alle” für Milliarden dezentrale Kauf-Entscheidungen. Beispiele gibt es reichlich, sowohl für die explosive Marktentwicklung von Innovationen als auch für dramatische Fehleinschätzungen etablierter Akteure.

Im Energiebereich haben Photovoltaik und dezentrale Speicher dieses revolutionäre Potential besonders stark. Zur Zeit liegt der Anteil der Photovoltaik an der Stromversorgung weltweit bei 1%. Nicht viel. Aber mit einer Verdoppelung alle zwei Jahre in den letzten Jahrzehnten. 2030 wären wir bei 100%.

Was nicht hilft

Konsensorientierte globale Klimaverhandlungen, lobbydominierter Emissionshandel für Großunternehmen, SPD-Gabrielsche Masterpläne zum Fossilausstieg, die den Fossilunternehmen aber nicht wehtun dürfen (”Sagt der Mann zum Henker: ‘Aber seien Sie bitte vorsichtig. Ich bin Bluter.’”), HGÜ-Trassen mit Traumrenditen für die Betreiber, nach denen grüne Spitzenpolitiker schreien, Baakesche Deckelung der Nutzung erneuerbaren Energien mit absurden Ausbaupfaden und Ausschreibungen mit implizitem Großanbieterbonus - all das sorgt nur für Verzögerungen auf dem Weg zur erneuerbaren Vollversorgung. Es sind Ausgeburten eines technologisch-volkswirtschaftlichen Schein-Effizienzdenkens - bei wohlwollender Betrachtung!

Diese GAGROKO-Politik unter Führung der allseits beliebten CDU-Kanzlerin Merkel setzt auf kontrollierte Verhandlungslösungen mit den größten, gierigsten und langsamsten fossilen Schnecken, die nichts anderes wollen, als den Betrieb aufzuhalten, statt sich mit der Masse derjenigen zu verbünden, die den Umbau wollen, davon profitieren und die finanziellen Mittel haben, um ihn auch umzusetzen.

So wird es nicht funktionieren (siehe auch “Wie es gehen könnte…“). Wir dürfen nicht die Frösche fragen, wenn wir den Teich trocken legen wollen (siehe auch: “Divest. Fossil free. Action” und “Eine Frage mit Sprengstoff: Wem nutzt es?“). Wie gut, dass die weltweite Entwicklung hin zu 100% Erneuerbaren Energien zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr von Deutschland abhängt. Sonst wären wir verraten und verkauft.

Lasst uns Seerosen züchten

Wenn überhaupt etwas in der Lage ist, eine nicht-lineare Entwicklung des Klimas aufzuhalten und für Frieden und Wohlstand auf der Welt zu sorgen, dann alles, was dazu beiträgt, Milliarden dezentraler Entscheidungen zur Nutzung der Solarenergie im weitesten Sinn zu stimulieren. Alle Wege führen zur Sonne. Manche aber etwas schneller. Und darauf kommt es jetzt an. Es geht um einen Wettlauf mit der Zeit.

Dafür sollten wir Masterpläne machen. Guerilla-Masterpläne. Wie Scheer. “Think big in small pieces,” heisst das Motto. Oder auch: “Lasst uns gemeinsam Seerosen züchten!”

1 Kommentar zu „Die Welt ist ein Seerosenteich“

  1. Kurt Werner sagt:

    Dem Beitrag stimme ich zu! Einserseits ist Klimaschutz sehr dringlich, andererseits haben wir die Technik zur Energie-wende. Was fehlt sind robuste politische Vorgaben.
    Die Energiewende wird zu wenig unterstützt.
    Von den Befürwortern der Energiewende muss mehr Druck auf die Politik ausgeübt werden.
    Es reicht nicht unverbindliche Ziele zu definieren, sowie schöne Werte und Ethik sich auf die Fahne zu schreiben (gemeint ist die Politik).
    Aus meiner Sicht wird die Energiewende durch unterschiedliche Interessen und Sichtweisen blockiert.
    Hier sollten wir ansetzen und versuchen mit Politikern und Akteueren der Energieversorgung ins Gespräch zu kommen.
    Offensichtlich ist die Blockade eine Kopfsache.

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